Die Parksäle in Komotau - Bekannte Bauten im Komotauer Land

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Die Parksäle in Komotau

Theater, Museen > Die Parksäle
Die Parksäle in Komotau

DER MUSENTEMPEL AM STADTPARK

von Gert Schrötter / Helmut Mürling
Vor über hundert Jahren, am 8. Oktober 1905, wurden sie von Bürgermeister Anton Schiefer eingeweiht: Die Komotauer Parksäle am Rande des Stadtparkes. An dem Platz, an dem bis dahin die Schießstätte des Scheibenschützenvereins stand. Die Parksäle, ein Stolz der Komotauer, war mehr als der kulturelle Mittelpunkt der Stadt, entwickelte sich bald zu einem Veranstaltungs-, Musik- und Theaterzentrum, das in die ganze Region ausstrahlte.
Die Lage war wie geschaffen. Einmal die Nachbarschaft zum Stadtpark, dann ein weitläufiger Platz mit gepflegten Blumenanlagen, nur ein paar Schritte hinüber zur Plattner Straße, eine wichtige Verkehrsader der Stadt.
Das Gebäude selbst war für die damalige Zeit ein großer Wurf und kann sich auch heute noch sehen lassen. Die Front mit ihren zehn großen Fenstern, jeweils fünf in einer Reihe, wurde flankiert von zwei mächtigen viereckigen Türmen, die weit über das Dach ragten. Am Dachrand, zwischen den Türmen, grüßten vier mächtige Figuren, die Musen darstellend, den Besucher. Die breite Treppe hinauf um Eingang lag in der Mitte einer breiten Terrasse, über die im Sommer Markisen gezogen waren, unter deren Schatten sich die Komotauer und ihre Gäste zum Speisen und zu Tee- und Kaffeestunden trafen. Ein idealer Platz für ein Rendezvous, um zu sehen und gesehen zu werden. Reichte dort der Platz nicht aus, so dehnten Küche und Keller ihren Service auch noch auf zwei Restaurationsgärten aus.
Die Komotauer Parksäle waren für vielerlei Anlässe konzipiert worden, für kleine und große. Mittelpunkt war der Konzert- und Theatersaal mit Bühne. Er hatte rund 700 Sitzplätze. Einige kleinere Säle, ein sogenannter Volkskeller und der "Schlaraffia- Raum" standen zu Verfügung.

Dann kam Bartonitz

In den ersten sechs Jahren ihres Bestehens wurden die Parksäle als reiner Restaurationsbetrieb geführt. Vier Pächter versuchten ihr Glück mit und in dem großen Haus- ohne Erfolg. Erst der fünfte Pächter, Adolf Bartonitz, erkannte, daß die Parksäle keine "normale" Gastwirtschaft waren und anders geführt werden mußten.
Bartonitz, vorher Oberkellner im Hotel "Reiter" und "Cafe Habsburg" nutzte seine Chance. Er beantragte und bekam eine Theater- und Varietékonzession für die Parksäle. Außerdem öffnete er das Restaurant täglich und nicht nur an den Wochenenden. Der rührige Bartonitz schloß Verträge mit Theater- und Konzertdirektionen und nahm Kontakt mit der Artistenloge "Sicher wie Gold" auf. Bartonitz eröffnete damit den Parksälen erst eine Zukunft als Mittelpunkt gesellschaftlichen und kulturellen Lebens für Komotau und bald für die ganze Region.
Es dauerte nicht lang, da feierten die ersten Operetten und Lustspiele in den Parksälen Premiere, wurden dort rauschende Bälle gefeiert, manche Schuhe durchgetanzt. Im Garten spielte die Kapelle Grosse und die Veteranenkapelle Schindler und Tott.
Theaterinspizient Johann Reiterer mit Frau und dem Wirtsehepaar Bartonitz ca. 10 Jahre nach der Vertreibung

Die größte Herausforderung

Die Rechnung von Adolf  Bartonitz ging auf. Die größte Herausforderung hatten die Parksäle und ihr Chef mit der Ausrichtung der Deutsch- Böhmischen Landesschau 1913 zu bestehen, die im großen Saal von Bürgermeister Dr. Ernst Storch feierlich eröffnet wurde. Welche Bedeutung diese  Ausstellung für Komotau hatte, zeigte sich schon daran, daß Seine Kaiserliche Hoheit, Erzherzog Karl, zur Eröffnung der Landesschau nach Komotau gekommen war. In seinem Gefolge Generäle, Bischöfe, Fürstlichkeiten, alles, was Rang und Namen hatte in Nordböhmen.

Empfang des Erzherzog Karl

Ein Höhepunkt der Ausstellungseröffnung war die Enthüllung der riesigen Deutschritterstatue am östlichen Rand des Ausstellungsgeländes durch Erzherzog Karl. Nach einem Rundgang durch die Ausstellung stärkte sich der Erzherzog mit seiner Begleitung im Weinzelt "Wespe" bei einem "Großen Frühstück", wozu Küche und Keller der Parksäle das Beste vom Besten aufgefahren hatten.
Noch ein paar Daten aus der Komotauer Chronik: Die Landesschau 1913 wurde am 12. Juni 1913 eröffnet. Sie stand unter der Schirmherrschaft des Erzherzog Karl Franz Josef, dem späteren Kaiser Karl. (In jüngster Zeit hat Papst Johannes Paul II Kaiser Karl wegen seiner Friedensbemühungen im Ersten Weltkrieg selig gesprochen.) Die Landesschau war eine Ausstellung, die weithin Schlagzeilen machte, eine umfassende Gewerbe-, Industrie- und Landwirtschaftsschau, die sich über den gesamten Stadtpark mit den weitläufigen Plätzen zu Füßen des Deutschherrnritters ausbreitete. Hauptrestaurant waren die Parksäle, daran schlossen sich Vergnügungspark und Pferdeausstellung.

Gesellschaftliches Leben während der Kaiserzeit

Zu Ehren des hohen Besuches, des Erzherzoges, gab die Stadt am Nachmittag ein Bankett in den Parksälen. Dann reiste der Seine Kaiserliche Hoheit per Bahn nach Wien zurück. Die gastronomischen Leistungen des Parksäle- Chefs und seiner Mannschaft würdigte Erzherzog Karl, indem er Bartonitz mit dem Titel eines k.u.k. Kammerlieferanten auszeichnete, was dieser in seinem Wappen dokumentieren durfte. Erst am 15. September 1913 schloß die Landesschau ihre Tore. Sie war ein großartiger Erfolg für Komotau und die Aussteller und festigte die Bedeutung der Stadt als nordböhmisches Zentrum von Industrie, Handel und Gewerbe. Ein knappes Jahr danach begann der Erste Weltkrieg, mit seinem Ende auch der Untergang der k.u.k. Monarchie, auf deren Trümmern die Tschechoslowakei errichtet wurde- mit allen bekannten Folgen für die Deutschen in Böhmen.

Umzug in den "Adler"

Wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges das Theater noch von Hans Tichy (Leitmeritz) bespielt, die Spielzeit von Oktober bis Dezember genutzt, so mußte während des Krieges der Theaterbetrieb in den Saal des Gasthauses "Adler" verlegt werden. In den Parksälen quartierte sich Militär ein.


Blick vom Turm der Parksäle auf den Stadtkern

Im grauen Kriegsalltag war ein Theaterbesuch eine der wenigen Abwechslungen. Zum Stadtgespräch in dieser Zeit wurde die Operette "Das Dreimäderlhaus" (von H. Berté, nach Melodien von Franz Schubert). Überall in Komotau wurden die Lieder lange nachgesungen.
Wieder zurück

Nach 1919 wurde das Theater, inzwischen wieder in den Parksälen, von Direktor Ettlinger geleitet. Er holte bekannte Künstler, wie Toni Appel und Lya Bayer nach Komotau. 1924 schmückten Gretl Herzog, Christl Langer, die Sängerin Scaron, Tenor Hescinek, Komiker Leo Mahr, der Spielleiter Strassberger und der Schauspieleiter Ritty das Ensemble. Unter letzterem spielte Rolf Bittmann den jugendlichen Helden. Er lebte nach der Vertreibung in Erlangen.

Ein Magnet

Das Theater in den Parksälen wurde mit der Zeit zu einem Magnet für Sänger und Schauspieler, aber auch für Intendanten. Aus Brüx engagierte man 1929 Arthur Linzer , nach ihm Fred Hennig, unter dessen Spielzeit glanzvolle Aufführungen mit namhaften Künstlern über die Bühne gingen. Was für ein Talent Hennig war, bewies seine Berufung zur Berolina, wo er 35 Filme drehte.

Aus Bodenbach kam 1931 Gustav Pilz, dessen größter Erfolg die Inszenierung des "Weißen Rössl" (Ralph Benatzky) wurde. Auch mit Opern glänzte das Komotauer Theater. Das Brüxer  Stadttheater brachte "Carmen" (Bizet), "La  Boheme" (Puccini) und die "Verkaufte Braut" (Smetana) als Gastspiele in die Nachbarstadt
Teplitz-Schönau gastierte mit dem Lustspiel "Feldherrnhügel" (Roda Roda). Einen guten Namen machte sich auch Alfred Tichy, der aus Leitmeritz wechselte und unter anderem die Operette "Sissi" herausbrachte. Dies wurde eine der vielen Sternstunden des Komotauer Theaters.

Unvergessene Abende

Die Pächter der Parksäle griffen tief in die Tasche, um dem Publikum etwas zu bieten. Unvergessen die Abende mit so berühmten Künstlern wie Henny Porten, (Star der Stummfilmzeit), Conrad Veit, Alexander Moisi, Olga Tschechova, Lil Dagover, Werner Fütterer, Ivan Petrowitsch, und andere. Die "Deutsche Nachtigal", Erna Sack, war mehrfach Gast in Komotau und bekannt dafür, daß sie ihre Gage einem guten Zweck spendete. Ob Don Kosaken, Wiener Sängerknaben, der Zauberer Kassner mit seinem berühmten Elefanten Toto, sie alle kamen gerne nach Komotau, wo sie stets ein dankbares, doch auch sehr anspruchsvolles Publikum trafen, das Leistung zu schätzen wußte. Ein Theater ist immer auch ein Ort von Klatsch und Tratsch, von Liebelei und Liebe, wo sich Partner fürs Leben finden. In Komotau waren dies die Tänzerin Herma Stieber und der Tenor- Buffo Toni Heinrich. Sie heirateten noch in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges und führten über 50 Jahre eine glückliche Ehe.

Stammpublikum

Zum Stammpublikum des Komotauer Theaters gehörten bis zuletzt viele Komotauerinnen und Komotauer, die "ihr" Theater wirklich liebten und keine Vorstellung ausließen. Unter ihnen war Ernst Martini, Gymnasiast und leidenschaftlicher Theatergänger, den die Theaterwelt magisch anzog und der gut Bescheid wußte über Klatsch und Tratsch hinter den Kulissen.

Martini, heute (2005) 75 Jahre alt, erinnert sich:

"Theater hat mich schon immer interessiert. Außer Kino gab es nichts, was gute Unterhaltung versprach. Da waren wir in Komotau glücklich zu schätzen mit unserem Theater in den Parksälen- bis es, wie alle deutschen Theater im Sommer 1944 auf Befehl des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels geschlossen wurde.
Ich glaube auch zu wissen, daß es dem viele Jahre in Komotau wirkenden Schauspieler, Regisseur und Intendanten Leo Dimter zu verdanken war, daß vier halbjüdischen und vierteljüdischen Künstlern an dieser Bühne (Ernst Waldbrunn, Willy Scherdeck, Elisabeth Agreiter und Rosy Maußer) nichts geschah. Dimter hat sie geschützt. Er war übrigens nach dem Krieg lange Zeit Intendant in Esslingen.
Ernst Waldbrunn hat in Wien Karriere gemacht. Willy Scherdeck sah ich einmal in Karlsruhe bei einem Gastspiel des Kabaretts "Wiener Werkl". Von den beiden Damen habe ich nie wieder etwas gehört."
Hier sei noch dem Verwaltungs- und technischen Personal gedacht, das zusammen mit den Künstlern, mit viel Einsatz half, unser Theater zu einer führenden Provinzbühne auszubauen.
Die Parksäle wurden in der Zeit vom 13.10. bis 13.4. eines jedem Jahres bespielt.
40 Jahre waren die Komotauer Parksäle "unser" Theater in Komotau. Seit nunmehr 60 Jahren stehen die Parksäle den tschechischen "Eroberern" zur Verfügung. Das Gebäude erstrahlt zwar in neuem Glanz, doch ist es ohne seine vier Musen auf der Vorderfront. 100 Jahre haben die Parksäle gut überlebt. Gleiches kann man von anderen Bauten in der Heimat leider nicht mehr sagen.
Vier Musen schmückten das Dach der Parksäle. Wo sind sie geblieben ? Die Auskunft gibt die nächste Datei.




So war es
So ist´s heute.
Die neue Schrift
wird angebracht
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü